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Berliner Liste
Energie im Umspannwerk
Evelyn Pschak
2. Oktober 2006
Berliner Liste 06. Vom 29. September bis 4. Oktober 2006, 13 bis 21 Uhr
Die Berliner Liste 06, die zeitgleich zum ART FORUM BERLIN am 29. September eröffnete, zeigt zum dritten Mal und noch bis zum 4. Oktober auf insgesamt 2.300 Quadratmetern 150 Künstler von 42 internationalen Galerien – 25 aus Deutschland, davon zwölf aus Berlin selbst. Mehr als die Hälfte der Aussteller ist in diesem Jahr zum ersten Mal dabei, vielleicht als Folge des eher negativen Medienechos 2005. Diesjähriger Austragungsort ist abermals das ehemalige Umspannwerk in der Kopenhagener Straße, ein Backsteinbau aus den 1920er Jahren von Hans Heinrich Müller. Noch bis 1993 lieferte das Werk Energie, danach beherbergte es das Vitra Design Museum. Kein schlechtes Omen für diese Messe junger Kunst: Ein Ort elektrifizierenden, kreativen Denkens. Oder gar eine Bewegung gegen den Strom?
Der Initiator der Berliner Liste, Galerist Wolfram Völcker, hatte 2003 die Idee, eine Messe zu organisieren, die experimentelle Künstler schneller akzeptiert als die arrivierten Messen. Die Stadt Berlin beherbergt über 350 Galerien und sehr viele junge Künstler. Ein besonderer Trumpf dieser Nebenmesse ist die Kombination von jeweils einer lokal etablierten und einer ausländischen Galerie in sogenannten „Tandemständen“, die gerade den jungen Künstlern internationalen Zugang ermöglichen sollen.
Die Frankfurter Galerie CarloniSpazioArte präsentiert seit 2003 junge italienische Künstler. Francesco Bocchini lebt und arbeitet in Gambettola, einem kleinen Nest in der Emilia-Romagna, das kaum jemand kennt und falls doch, dann nur aufgrund seiner traurigen Berühmtheit als Ort der großen Schrotthalden. Bocchini verarbeitet rostige Fundstücke zu dadaistischen Skulpturen, mechanisiert sie mit einer kleinen Kurbel und mythisiert die subtil-verrotteten objets trouvés durch klingende Namen wie L’eleganza del grande letterat-linguista Medardo Vincenti (4.380,- Euro).
Die Galerie Van Wijngaarden Hakkens aus Amsterdam präsentiert in einer Einzelausstellung den niederländischen Maler Maurice Thomassen. Thomassen baut die Bilder in Schichten auf, tränkt Stücke von Leinwand in ein Kaffee-Acrylbindergemisch oder Silikon und appliziert sie in mehreren Ebenen zu Gesichtern oder Szenerien. In seiner Bildfindung, die er „mechanisches Zurück-Photoshoppen“ nennt, rekonstruiert er bekannte Vorlagen aus den Medien oder kriminalistische Aufnahmen wie Fahndungsfotos. In der Verfremdung der Vorlage findet er ihre bedrohliche Essenz. Selbst der roséfarbene Plattenspieler (Re-) Turntable (6.500,- Euro) verliert so seine Harmlosigkeit: Im Vorbild des Gerätes soll Andreas Baader einst seine Pistole versteckt haben.
Die Kölner Binz & Krämer beherbergen die Kunstharzskulptur Dangerous Garden I (16.000,- Euro) des spanischen Künstler Luis Vidal an ihrem Stand. Vidals wiederkehrendes Thema ist die Verletzlichkeit von Minderjährigen, der Kindesmissbrauch. Als ikonografisches Leitwerk dient ihm Hieronymus Boschs Garten der Lüste als lasterhafte, sinnenfrohe Welt. Vidals Skulpturen wirken auf den ersten Blick unbekümmert, fast lieblich. Doch im verzauberten Idyll wachsen Sexualorgane aus Blumen und die vermeintlich beschützende Umgebung trügt.
Der Artspace Witzenhausen widmet eine Wand den großformatigen Fotografien von Hendrik Kerstens, dessen einzige Muse seine inzwischen 18-ährige Tochter Paula ist. Die Komposition und die Verwendung des Lichts in den C-Prints erinnern in ihrer Erhabenheit und starken Präsenz des Modells an die Malerei der niederländischen Meister des 17. Jahrhunderts. Gerade Towel (4/6, 6500,- Euro) – hier türmt sich ein blaues Handtuch auf Paulas Kopf – entspricht der Übersetzung eines Mädchen mit Turban von Vermeer ins 21. Jahrhundert.
Die Pariser Galerie Iragui wird von der jungen Russin Ekatherina Iragui geführt, die russische Künstler vertritt. Pavel Pepperstein ist im Kreis der russischen Konzeptualisten groß geworden, sein Vater war der Künstler Victor Pivovarov, Ilya Kabakov ein Freund der Familie. Um sich abzugrenzen, nannte Pavel sich schließlich – inspiriert von Thomas Manns Figur des „Mynheer Peeperkorn Pepperstein“ aus dem Zauberberg – Pavel Pepperstein und ist in Russland mehr für seine Schriften als seine Zeichnungen bekannt. Die in Berlin ausgestellten Blätter wie Tunnel mit Mädchen (4.000,- Euro) zeugen mit dem feinen, fast gedruckten Strich der Figuren von der kalkulierten Sogkraft seiner Tuschewischungen.
Burkhard Eikelmann aus Düsseldorf zeigt unter anderem viele kleinformatige Werke von abstrus-anzüglichem Witz des hessischen Künstlers Jan M. Petersen. Wer seinen Lebenslauf in Untersparten wie „1977: Besitz des ersten eigenen Werkzeugkastens“ und „1980: Beschluss zur Punkwerdung“ unterteilt, ist auch fähig, sich ein „Kunstkaufhaus Ost“ auszudenken, mit dem er auf Messen und Jahrmärkten kleine Originale zu Schleuderpreisen feilbietet. Auch auf der Berliner Liste war der Eikelmann-Stand (Petersen-Werke, Nitro-Frottage, ab 39,- Euro) der mit den meisten roten Punkten.
Ca’ die Fra’ aus Mailand stellt Danilo Buccella dunkle Frauengestalten vor, die in ihrer Zweideutigkeit gehetztes Opfer und abgefeimte Scharfrichterin zugleich sind. Die Titel zeugen von einer anderen Realität, für die seine Modelle als vermittelndes Medium agieren: Sulle labbra del mare il libro heißt eine Version der in typischer Draufsicht gemalten Frauenfigur in unterkühltem Interieur. Es wird etwas passieren, vielleicht ist es auch schon passiert. Man mag der unbefleckten Reinheit von Modell und Umgebung nicht trauen und erwartet jeden Moment eine Blutrinne auf der marmornen Treppe. Aus der Perspektive, die der Künstler wählte, wäre es dann das Blut des Betrachters...
Die Münchner Galerie Royal stellt den Bulgaren Valio Tchenkov vor, der in seiner Malerei das „charmante Prinzip der Serendipity“ – also der Sonderbegabung, unbeabsichtigt glückhafte Entdeckungen zu machen – in den Mittelpunkt stellt. Mit selbst gebastelten Farbbomben aus Aluminiumpulver, orangeroter Mennige, Kieselsteinchen aus der Isar (Tchenkov lebt und arbeitet in München), Zeitungspapier und einer luftdichten Verpackung aus Klebeband, die der Künstler an die Standwand warf, entstanden expressive Farbsetzungen in feinen Grau- und Orangeabstufungen von scheinbar pastoser Konsistenz. Tchenkov stellt farbmarkierte, freigesetzte Energie aus. Die Werke tragen als Titel die Headlines der Zeitung, in die das Geschoss eingewickelt war. Am Galeriestand kann man einen Sprengkörper für den Eigenent-„Wurf“ zu Hause erstehen: Ein kleines, braun verpacktes Unikat wird für 600,- Euro verkauft.
Als Sonderprojekt der diesjährigen Messe gibt es einen 200 Quadratmeter großen Video-Bereich, in dem Arbeiten der Videoklasse von Prof. Maria Vedder der Berliner Universität der Künste gezeigt werden. Die junge Koreanerin Chan Sook Choi studiert im 8. Semester Experimentelle Mediengestaltung und präsentiert mit Folgen der Spur (2.500,- Euro) eine Videoinstallation, die der Technik und Philosophie der traditionellen Tuschemalerei Ostasiens gewidmet ist. Mit einfachen Mitteln –das Schwarz-Weiß-Porträt einer Freundin wird in Wasser gelegt, die Auflösung der schwarzen Tinte, die sich wie zarte dunkle Schleier über das Gesicht legt, währenddessen dokumentiert – entstehen Bilder voll melancholischer Schönheit.
Die Galerie Davide di Maggio (Mailand/Berlin) hat mit Oda Jaune eine – schon durch ihre Ehe mit Jörg Immendorff – prominente Vertreterin der figurativen Malerei an Bord. Oda Jaune war ursprünglich eine Bewohnerin des nach Peer Gynt benannten Phantasiereiches „Gyntiana“. Die heutige Jaune lokalisiert dieses Reich „dort, wo alles offen ist, wo es keine Grenzen, keinen Zeitbegriff gibt“ und tatsächlich scheinen auch ihre Motive, die sie aus eigenen Urlaubsfotos rekurriert, Zeit und Ort entrückt. Düsteres liegt in den Figuren, nichts verrät mehr ihre heitere Entstehung. Ihre Malerei (ohne Titel, 40 x 50 cm, 3.500,- Euro) wirkt, als müsse sie Ernsthaftigkeit beweisen, als könne man Tiefe durch Schwere erreichen.
Die Christopher Cutts Gallery aus Toronto zeigt in einer Einzelausstellung des Bildhauers Richard Stipl. An den Wänden hängt immer der gleiche Miniaturkopf aus Wachs und Pigmenten (10 Heads, 13.000,- Euro), Selbstporträts des Künstlers, circa. 10 Zentimeter hoch, nur der jeweilige Ausdruck könnte unterschiedlicher nicht sein: Wut, Trauer, Angst, Selbstzufriedenheit, Komik. Menschliche Regungen, an sich selbst abgeguckt, sind das große Thema des kanadischen Künstlers tschechischer Abstammung. Realistisch und doch bizarr erinnern die Grimassen an Pieter Brueghel d. Ä., Franz Xaver Messerschmidt aber auch Ron Mueck. Lange bleibt man vor ihnen stehen, sieht sich ein bisschen selbst, ist ergriffen und muss doch lachen, denn Stipls Köpfe vereinen in einer fesselnden Synthese handwerkliches Können, Selbstanalyse und Humor.
Beim Rundgang durch die geöffneten Räumlichkeiten des Umspannwerks stößt man natürlich auch auf Werke, die man nicht hätte sehen müssen. Man empfindet den genius loci – die Wechselwirkung von Spannung und Ruhe – auch in den einzelnen Galeriebereichen. Hegel definierte die Elektrizität als den reinen „Zweck der Gestalt, der sich von ihr befreit“. Das ist sehr nahe an Baudelaires „l’art pour l’art“ und dessen Forderung, dass die Kunst sich von einem Zweck befreien solle. Die Wahl des Austragungsortes kann also wohl tatsächlich als gutes Omen gelten.
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