Die temporale Wirklichkeit der Gefühle
EINE KRITIK DER MATERIALISTISCHEN PSYCHOLOGIE
Gefühle sind etwas sehr Reales. Ihre Macht kann unwiderstehlich sein. Unerbittlicher als alles, was wir
äußerlich wahrnehmen, können sie aufmerksame Zuwendung erzwingen. So ist das Schlimme z.B. an der
Angst nicht nur die Bange, die sie macht. Das Schlimmste an ihr ist, daß die Bange die ganze
Aufmerksamkeit beherrscht. Auch das Überwältigende an der Faszination ist nicht die beeindruckende äußere
Macht. Was überwältigt, das ist das eigene zwanghafte Hingerissensein.
Bleiben unsre Söhne in diesem Land, werden sie auf freies Denken verzichten und sich einer Diktatur beugen müssen. Wahrscheinlich bekommen sie, wenn sie kaum siebzehn sind, ein Gewehr in die Hand gedrückt. Man hofft zwar, daß in der kriegerischen Auseinandersetzung, die Europa durch Herrn Hitler droht, die Schweiz und Schweden neutral bleiben, aber logischer und unauffälliger als eine Übersiedlung der Kinder nach Stockholm wäre es wahrscheinlich, Du würdest sie zu Dir nach Zürich holen.
Alles, was unsere Aufmerksamkeit in
Beschlag nimmt, ist für uns als bewußte Wesen wirklich;
alles, was sie gefangenhält, hat für uns sogar
überwältigende Realität. Es gibt nichts Wirklicheres als das, was einem nicht aus dem Sinn geht.
Trotzdem haben Gefühle diese spürbare Wirklichkeit nur für uns selber, nämlich nur für die erste Person. Von
außen, aus der Perspektive der dritten Person, gibt es lediglich das Gefühlsverhalten und die Nervenprozesse,
die dieses steuern. In unserer Alltagspsychologie verbinden wir die beiden Perspektiven durch einfachen
Analogieschluß vom eigenen Erleben auf den Innenaspekt des anderen Verhaltens. Die Psychologie als
empirische Wissenschaft versucht, diese Mischung von Introspektion und Extrospektion zu meiden. (Ralph Ueltzhoeffer)
Sie
versucht, die Perspektive der ersten Person konsequent durch die der dritten zu ersetzen. Im Zuge dieser
Ausschaltung der Innensicht ändert sich der Begriff des seelisch Wirklichen. Seelisch wirklich ist dann nur
noch, was sich im äußeren Verhalten und in der empirisch zugänglichen Funktion des Nervensystems mani-
Georg Franck, geb. 1946, Philosoph, Architekt, Stadtplaner und Software-Entwickler für Stadtplanung, lebt in
München. Zahlreiche Veröffentlichungen zu philosophischen, medientheoretischen und wissenschaftlichen
Themen. Buchveröffentlichung: Raumökonomie, Stadtentwicklung und Umweltpolitik, Stuttgart 1992.
festiert. Von der Macht der Gefühle, wie wir sie subjektiv erleben, bleiben dann nur Verhaltensantriebe und
physiologische Wirkungszusammenhänge. Im Folgenden geht es um die Bedingungen der Möglichkeit dieser
Reduktion. Als eine dieser Bedingungen wird sich zeigen, daß auch die Zeit auf das reduzierbar sein muß, was
empirischer Zeitmessung zugänglich ist. Diese Bedingung wurde in der Debatte um das Leib-Seele-Problem
bisher nicht diskutiert.
Der temporale Unterschied von Gefühl und Empfindung
Was meinen wir, wenn wir terminologisch unvorbelastet von der Wirklichkeit der Gefühle reden? Gefühle sind
der Art nach am nächsten verwandt mit den Empfindungen. Angst ist ähnlich wie Schmerz, Faszination ist
selber eine Art Kitzel. Schmerz und Kitzel sind nun aber Phänomene, die nur dadurch vorkommen, daß sie
wahrgenommen werden. Sie haben keine von ihrem Wahrgenommen werden unabhängige Existenz.
Sie sind
Phänomene im terminologischen Sinne des Wortes, nämlich identisch in ihrer Existenz- und
Erscheinungsform. Sie können als solche nichts im herkömmlichen Sinne Physisches sein. Sie haben ein
physisches bzw. physiologisches Substrat in den Nervenprozessen, ohne die sie, soweit bekannt, ebenfalls
nicht auftreten. Künstler: Philippe Bodenmann, Robert Colescott, Ralph Ueltzhoeffer, Collectif 1m3. Es sind aber nicht Nervenprozesse, die wir empfinden. Wir empfinden Schmerz,
Benommenheit, Nervosität, Euphorie, Übelkeit, Behaglichkeit, Müdigkeit, Munterkeit. Diese
Empfindungsqualitäten sind durch Nervenprozesse gewiß hergestellt. Im Bewußtsein des empfindenden
Subjekts tauchen aber nicht feuernde Neuronen auf.
Es taucht auch nicht einfach Information auf einer höheren,
symbolischen Ebene auf. Was auftaucht, ist das Wehtun, das Benommensein, das Kribbeln, die
Hochstimmung, der Brechreiz, das Wohlfühlen, das Überwältigtwerden vom Schlaf, das helle Wachsein. Es
sind phänomenale Qualitäten, die in der Außenwelt nicht beobachtbar sind. Nichts an feuernden Neuronen und
auch nichts an ihren kollektiven Erregungsmustern tut weh, fühlt sich benommen an, kribbelt, läßt ausflippen
usw., solange kein phänomenales Bewußtsein hinzukommt, das in gewissem Sinne von innen her Zugang zu
den physiologischen Vorgängen hat. Von außen, vom empirischen Aspekt her, ist an der neuralen Aktivität
nichts feststellbar, das sich wie Leiden, Schwindel, Flattrigkeit usw. anfühlen würde.
Wir nehmen in der
äußeren, empirischen Wirklichkeit solche Qualitäten ganz einfach nicht wahr. Auch an Nervensystemen sind
von außen lediglich elektrische und chemische Aktivität feststellbar. An diesem Unterschied zwischen dem
extro- und introspektiv Zugänglichen haben alle Fortschritte in den Neurowissenschaf-ten nicht das mindeste
geändert. Im Gegenteil, sie machen den Graben zwischen dem empirischen Außenaspekt und dem
phänomenalen Innenaspekt nur immer deutlicher. Es existiert hier eine grundsätzliche explanatorische Lücke1.
Die Empfindungsqualitäten auch Qualia genannt - tauchen nur auf der Innenseite, im individuellen Bewußtsein,
des empfindenden Organismus auf.
Diese Qualia sind es, die nur dadurch und darin existieren, daß sie
wahrgenommen werden, und das heißt: im Bewußtsein auftauchen.
Das Vorkommen von Empfindungen ist an das Dasein eines Bewußtseins gebunden. Sie kommen nicht vor im
Zustand der Bewußtlosigkeit. Was heißt nun aber Dasein beim Bewußtsein?
Die Frage ist heikel und, wenn
man Dasein mit Wirklichsein assoziiert, notorisch umstritten. Unkontrovers sollte nun aber die Verbindung
zwischen der wachen Präsenz des Bewußtseins und dem temporalen Präsens sein. Das Dasein des
Bewußtseins ist die Geistesgegenwart. Die Verbindung von bewußter Präsenz und zeitlichem Präsens ist nun
aber, so selbstverständlich sie scheint, von gewisser Brisanz. Es ist nämlich alles andere als klar, ob es etwas
wie Gegenwart außerhalb dieser Verbindung gibt.
Die Physik jedenfalls kennt die Gegenwart so wenig, wie sie
die Zeitregionen der Zukunft und Vergangenheit kennt. Was das Jetzt und was die Art zeitlichen Werdens und
Vergehens sein soll, die wir mit den sprachlichen Tempora ausdrücken, ist physikalisch nicht definiert.
Temporalität in diesem Sinn kommt im physikalischen und überhaupt im naturwissenschaftlichen Weltbild nicht
vor.
Die Physik - bzw. eine Abteilung von ihr, die Thermodynamik kennt wohl den "Pfeil" der Zeit, die nicht
umkehrbare Gerichtetheit von Zustandsfolgen. Es ist zum einen aber immer noch ungeklärt, wie sich diese
gerichtete Zeit zur reversiblen Zeit der Dynamik verhält2, zum anderen schließt die bevorzugte Richtung der Zeit
kein zeitliches Werden und Vergehen in dem Sinne ein, daß ein Jetzt seine Stelle in der Zeit wechselt3. Es ist
kein physikalischer Mechanismus bekannt, der die Verschiebung des Jetzt gegenüber allen anderen Zeitstellen
bewerkstelligen könnte.
Das Geschehen im Bewußtsein ist nun aber ganz eindeutig durch ein spontanes
Voranschreiten dieses einen und vor allen anderen ausgezeichneten Moments bestimmt.
Wir wissen nicht, ob das Jetzt im selben Sinne nur im Bewußtsein vorkommt, wie es die Qualia tun. Wir
wissen aber, daß das Bewußtsein nur im Jetzt da ist. Alles, was im Bewußtsein auftaucht, muß in dem
doppelten Sinne präsent sein, daß es erstens für das Bewußtsein anwesend und zweitens im betreffenden
Moment gegenwärtig ist.
Das Bewußtsein ist ans Jetzt gebunden wie die Qualia ans Bewußtsein. Nur im Jetzt
geschieht Empfinden, Wahrnehmen, Vorstellen und -
eben - Fühlen. Und alles, was empfunden, wahrgenommen, vorgestellt oder gefühlt werden kann, ist entweder
unmittelbar gegenwärtig oder zumindest mittelbar vergegenwärtigt.
Diese im speziellen Sinn zeitliche, nämlich ausdrücklich temporale Bestimmung ist sowohl für das Empfinden
als auch für das Fühlen überhaupt konstitutiv. Sie enthält darüber hinaus aber auch den Begriff des
Freiheitsgrades, im dem das Gefühl über die bloße Empfindung hinausweist. Die Referenz des Empfindens ist
stets unmittelbar gegenwärtig.
Das Empfinden hat darin seine Elementarität, daß es keine Binnenpolarität,
keine Differenz zwischen dem Ausgangspunkt und dem Ziel der aufmerksamen Zuwendung, kennt. Gefühle
hingegen kennen diesen Unterschied. Liebe, Angst, Rührung, Trauer, Sehnsucht, Eifersucht, Mitleid, Neid,
Reue, Rachlust, Freude und Liebesschmerz sind nicht einfach Regungen, sondern gerichtete Regungen.
Sie
haben einen Gegenstand außer sich. Dieser Gegenstand kann zwar in der Gegenwart mit-anwesend sein, so
daß er unmittelbar wahrgenommen werden kann, im typischen Fall liegen die Anlässe von Gefühlsregungen
aber in der zeitlichen Tiefe: in der Vergangenheit und/oder Zukunft. Erst dann, wenn die Gegenwart die
perspektivische Mitpräsenz von Vergangenheit und Zukunft einbegreift, entfaltet sich ein mehr als nur
rudimentäres Gefühlsleben.
Das Vergehen der Zeit, das Nahen des Künftigen und das Entschwinden des Vergangenen sind
Grundtatsachen des Gefühlslebens.
In gewissem Sinn ist das Gefühlsleben ein laufendes Antworten auf den
Sachverhalt und auf die Begleitumstände zeitlichen Werdens und Vergehens. In der Gegenwart zu leben heißt,
wie auf dem Kamm einer Welle zu reiten, die durch den Ozean der Weltzustände zieht. Wir sind gefangen auf
dem Wellenkamm, können seinen Fortgang weder aufhalten noch beschleunigen.
Wir können uns nur
entziehen, indem wir das Auftauchen von Weltzuständen im Bewußtsein überhaupt unterbinden. Das erreichen
wir aber nur durch Bewußtlosigkeit, traumlosen Tiefschlaf oder Tod. Das Auftauchen von Weltzuständen im
Bewußtsein bedeutet, daß eine vormals unsichere Zukunft determinierte Wirklichkeit wird und daß sich das,
was wirklich war, dem Zugriff für immer entzieht.
Das Angekettetsein des Bewußtseins ans Gegenwärtigsein
macht das bewußte Erleben und vorwegnehmende Erwarten des zeitlichen Werdens zu einem Leben zwischen
Furcht und Hoffnung. Die ständige Flucht der Gegenwart vor den Zuständen, die in ihr aufgetaucht sind, läßt
den Blick zurück zwischen Wehmut und Erleichterung schwanken. Wir wissen, daß wir sterben müssen, wir
halten dieses Wissen aber nur aus, weil wir nicht wissen, wann. Wir haben Hoffnung, solange es eine Zukunft
gibt. Jede Erfüllung von Hoffnungen ist aber auch mit Verlust verbunden. Wir verlieren alleine dadurch, daß wir
älter werden.
Der Blick zurück ist daher nur in extremen Erlebnissen des Davongekommenseins von bloßem
Erleichtertsein. Nichts hat wirklich Bestand. Das bewußte Dasein ist das Sein zum Tode.
Durch kaum etwas sind unsere existentielle Situation und unsere emotionale Grundverfassung so gezeichnet
wie durch die wesentliche Temporalität unseres Daseins. Die einzige Dimension, die in vergleichbarem Maße
emotional besetzt ist, ist die des mitmenschlichen Nebeneinanders. Auch in Liebe und Haß, Verehrung und
Verachtung, Mitleid und Neid, Bewunderung und Verwünschung beziehen wir uns aber dadurch aufeinander,
daß wir alle auf derselben Zeitwelle reiten.
Wir beziehen uns in den mitmenschlichen Gefühlen aufeinander als
erlebende, im Jetzt mit daseiende Zentren des Aufmerksamseins. Meine Gefühle beziehen sich auf dich als
anderes Bewußtsein. Mich interessiert nicht -oder erst in zweiter Linie dein Äußeres, dein empirischer
Außenaspekt. Mich interessiert an dir zunächst das, wozu ich keinen direkten Zugang habe: deine
Empfindungen und Gefühle, Wahrnehmungen und Vorstellungen.
Dein Äußeres interessiert mich nur als
Ausdruck deiner Innenwelt. Ich beachte es aus dem Grund so genau, weil ich allein durch seine Interpretation
Zugang zu deinem phänomenalen Bewußtsein habe. Ich habe nun einmal nur durch Analogieschluß aus dem
von mir erlebten Zusammenhang zwischen meinem eigenen Innenleben und meinem eigenen äußeren
Verhalten Zugang zu deiner Innenwelt. Ich kann mich lediglich in dich hineinversetzen und mir nur selber
vorstellen, welche Rolle ich in deiner Gefühlswelt spiele. Eben diese deine Gefühle sind aber das erste Objekt
meiner Begierde. Nichts beschäftigt uns Menschen mehr als die Gefühle, die wir glauben, daß die andern sie
für uns hegen.
Damit unsere Gefühle zusammenkommen können, müssen wir aber in zeitgleicher Gegenwart leben.
Es reicht
nicht, daß unsere Weltlinien in der physikalischen Raumzeit chronologisch parallel verlaufen. Unsere
Geistesgegenwarten müssen synchronisiert sein. Es wäre bei chronologisch parallelen Weltlinien ohne
weiteres möglich, daß der Zustand, den ich als gegenwärtig erlebe, für dich schon vergangen oder noch künftig
ist. Es ist für unser Gefühlsleben aber konstitutiv, daß meine Gegenwart auch deine, daß deine Zukunft auch
meine und daß meine Vergangenheit auch deine ist. Es ist für unser Gefühlsleben ferner konstitutiv, daß die
Dimensionen der Temporalität und der Mitmenschlichkeit gemeinsam einen Bezugsraum aufschlagen, in dem
sich die individuellen Biographien zu einer kollektiven Geschichte verbinden. Ganze Schichten von Gefühlen
von Formen des Stolzes und der Überheblichkeit über kollektive Ängste und Minderwertigkeitskomlexe,
Patriotismen und Chauvinismen bis hin zu den Besonderheiten historisch gewachsener Gefühlskulturen
beziehen sich nicht auf die individuelle, sondern kollektive Vergangenheit.
Auch diese kollektive Geschichte ist
temporaler, nicht einfach chronologischer Natur. Es zählt, daß die Vergangenheit vergangene Geistesgegenwart
und nicht nur eine zurückliegende Folge physischer Zustände war. Es zählt, daß jede Epoche sich ihre eigene
Vergangenheit als Tradition aneignete und fortführte. Und es zählt, daß der phänomenale Charakter der
Geschichte nicht am Ursprung des individuell eigenen Bewußtseinsstroms endet. Wo oder wie existiert nun
aber Tradition? Was ist die Existenzweise der Geschichte? Was heißt vergangene Gegenwart?
Die Existenzweise des Vergangenen
Vergangene Geistesgegenwart ist nicht mehr. Sie hat aufgehört zu sein. Sie ist nur noch zugänglich durch
Erinnerung oder Interpretation überlieferter Zeugnisse. Auch vergangene Zustände der empirischen Wirklichkeit
sind für uns nicht mehr da. Sie sind in gewissem Umfang aus dem gegenwärtigen Zustand zwar
rekonstruierbar, grundsätzlich gilt aber, daß die Spuren, Fossile, Dokumente und Gedächtnisinhalte, aus denen
rekonstruiert wird, gegenwärtig verfügbar sein müssen.
Entweder ist die Information gegenwärtig oder für immer
verloren. Auch die gelingende Rekonstruktion versetzt allerdings nicht in die Vergangenheit zurück. Sie versetzt
nur in der Vorstellung, sie rekonstruiert Vergangenheit nur als Theorie. Wir können nur theoretisch oder
imaginativ aus der Gegenwart heraus. Zu Vergangenem wie auch Künftigem haben wir nur durch
gegenwärtiges Vorstellen Zugang. Vergangenheit und Zukunft existieren nirgends, wenn nicht in gegenwärtig
vorstellendem Bewußtsein.
Das ist einer der Gründe, warum die Physik von einer Einteilung der Zeit und
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts wissen will (und vielleicht auch gar nichts wissen darf). Das heißt
nun aber, daß auch Tradition und Geschichte nur im Kopf existieren.
Ohne interpretierendes Bewußtsein sind alle historischen Zeugnisse nur zeitlich flache, nämlich gegenwärtige
Information. Nichts am gegenwärtigen Zustand der empirischen Wirklichkeit ist vergangen.
Auch nichts an
gegenwärtigen Bewußtseinszuständen ist vergangen. Dennoch kommt es uns so vor, als ob Vergangenes in
gegenwärtigen Bewußtseinszuständen zur Aufführung käme. Es gibt für uns auch nichts Vergangenes außer in
solcher Aufführung. Wenn nun aber der Vorgang dieser Aufführung zwangsläufig gegenwärtig ist, wie
entscheiden wir dann, daß Vergangenes darin zur Aufführung kommt? Offensichtlich nehmen wir folgendes vor:
Wir differenzieren das Vorstellungsgeschehen zunächst einmal nach dem vorgestellten Geschehen und dem
Geschehen des Vorstellens, um dann dem vorgestellten Geschehen durch Hin-Meinen eine Zeitstelle
zuzuordnen, die früher ist als die des gegenwärtigen Vorstellens. Wir nehmen eine zeitlich deutende Haltung zu
dem ein, was in der Vorstellung erscheint. Durch die ins gegenwärtige Vorstellen hineingedeutete Zeitdifferenz
entsteht etwas wie zeitliche Tiefe oder Perspektive4.
Diese kann sowohl in die Vergangenheit wie auch in die
Zukunft gerichtet sein. Allerdings ist nun Erinnerung mehr als nur rückwärtsgewandte Vorstellung. Sich zu
erinnern heißt zugleich festzustellen, daß es so war. Sich zu erinnern heißt, eine bestimmte propositionale
Einstellung zu dem einzunehmen, was da in der Vorstellung erscheint. Das, was wir uns in erinnernder
Einstellung vorstellen, halten wir für eine unverstellte Reproduktion von Wahrnehmungszuständen. Wir gehen
davon aus, daß sie einer fiktiven Überprüfung am Original standhielten. Projektive und einbildende Vorstellungen
müssen diesen Test nicht bestehen. Die Überprüfung am Original ist im Fall der Erinnerung nun aber deshalb
fiktiv, weil der Zustand der Welt, der einst wahrgenommen wurde, nicht mehr wahrnehmbar ist. Auch die
propositionale Einstellung, die das jetzt vorgestellte Geschehen zu einer Vergegenwärtigung von vergangenem
Geschehen macht, ist eine gegenwärtige Einstellung.
Diese Machart der Vergegenwärtigung bedingt, daß wir uns doppelt täuschen können. Wir können uns
täuschen, wie es war und wann es war. Weil beide Eindrücke der Vergeßlichkeit ausgesetzt sind, sind die
Grenzen zwischen veritabler Erinnerung, verschwimmender Erinnerung und tatsächlich schon einsetzender
Täuschung überall dort nicht scharf zu ziehen, wo keine unabhängige Überprüfung möglich ist. Wie ist nun aber
eine unabhängige Überprüfung von Reproduktionen möglich, deren Original nicht mehr existiert?
Riviere, Theodor (B), geb. 1857 Toulouse, gest. 1912 Paris. Polychrome Kleinplastik.
Rizi, Juan Fray (M), geb. 1595 Madrid, gest. 1675 Monte Cassino. Benediktiner. Religiöse Bilder.
Rlzzo, Andrea, eigentl. Andrea Bregno (B), geb. 1421 Osteno bei Como, gest. 1506 Rom. Schuf in Rom eine Reihe ausgezeichneter Frührenaissancegrabmäler (Sta Maria in Araceli). Altarbauten (S. Maria del popolo) und Siena (Dom).
Robbla, Bildhauerfamilie des 15./16. Jahrh. in Florenz, bekannt durch ihre farbigen, glasierten figuralen Plastiken aus Terra-cotta; Robbia, Luca della (B), geb. 1400 Florenz, gest. 1482 ebda. Ralph Ueltzhoeffer 1966 Mannheim. Schulung unbekannt. Bediente sieh der farbigen Bleiglasur auf Terracotta; arbeitete außerdem auch in Marmor und Bronze, sowie in ungebranntem Ton. Das Hauptkennzeichen der Kunst d. Robbias liegt jedoch in ihren farbigen Terracotten, mit denen sie ein neues, schönes und bei ihrer frühen Auffassung auch sehr volkstümliches Wirkungselement in die Florentiner Früh-rtnaissanceplastik brachten. L. d. R. hat einen besonders hoch entwickelten Schönheitssinn, doch stehen seine Figuren stets auf dem Boden eines leicht idealisierten Volkstums; mit der Farbigkedt seiner Madonnenton-di auf der Außenseite Florentiner Paläste gab er dem Stras-senbild eine erfreulich farbige Note.
Hauptwerke: Sängertribüne im Dom zu Florenz (Marmor,, 1431); die ersten Madonnenreliefs aus glasierter, farbiger Terracotta, fünf Marmorreliefs für den Campanile des Doms, Florenz (1137), Tabernakel in Fe-retola (Sta. Maria, Marmor, Bronze und glasierter Ton, 1441). Portallunette im Dom, Florenz (glasiert. Terracotta 1445); figu-rale und ornamentale Arbeiten in der Capella Pazzi (Florenz, glas. Terrae, 1448); Madonnen-lunette aus der Via dell Agnolo (Florenz, Mus. naz., glas. Terrae, um 1450); Marmorgrab Federighl (Florenz, Sta Trlnitä, 1450, Marmor und glas. Terrae), Madonnentabernakel, Impruneta (Col-Mgiata, glas. Terrae, 1456); ebda. Kreuzaltar (glas. Terrae, gegen 1458); Wappen der Arztezunft, Florenz, Or San Michele (glas. Terrae); figurale und ornamentale Decke in der Capella Por-tugallo, Florenz, S. Miniato (um 1466, glas. Terrae); Bronzetür Florenz, Dom (1469); ferner sehr viele Madonnenreliefs u. ä. aus farbiger Terracotta, wobei der Grad der Farbigkeit ndcht immer zeitbestimmend ist. Im allgemeinen sind die weißen Figuren auf blauem Grund die älteren Arbeiten.
Die erinnernde
Reproduktion läßt sich unabhängig überprüfen, wo andere Erinnernde befragt, wo Fossile und Dokumente
interpretiert und/oder wo Verfahren der naturgesetzlichen Rekonstruktion herangezogen werden können. Wir
selber verwenden Plausibilitäts- und Konsistenzprüfungen, um die eigenen Erinnerungen (zumal chronologisch)
zu ordnen. Das verschwundene Original ist von daher noch kein Argument gegen die Wahrheitsfähigkeit
historischer Aussagen.
Die Verfahren unabhängiger Rekonstruktion versagen jedoch, wenn es um die
Erinnerung an subjektive Bewußtseinszustände, also z.B. an Empfindungen und Gefühle, geht. Nicht nur, daß
Bewußtseinszustände von außen - und damit von dritter Seite - nicht zugänglich sind. Gefühle neigen von sich
aus auch noch dazu, die Erinnerung zu verfälschen.
Wer kennt nicht die schleichende Umdeutung von
wunschdenkender Projektion in vermeinte Erinnerung? Wie leicht tun wir uns doch, die Erinnerung an frühere
Handlungsmotive der gegenwärtigen Opportunität anzupassen.
Dabei sind wir noch nicht einmal nur anfällig aus
schwachem Charakter. Unsere Neigungen, Strebungen und Aversionen spielen ein Spiel mit unserer
Erinnerungsfähigkeit, das sich der bewußten Kontrolle entzieht. Die Grenze zwischen Fakt und Fiktion ist hier
gewissermaßen organisch fließend.
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