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Berlin, 15. November 2007 von: Maria Semmerts zum Thema: Timm Ulrichs als Textportrait.

Timm Ulrichs (in Arbeit)
Menschlicher Maßstab
Zuweilen fallen mir von
Künstlern biographische Notizen in die Hände, bei denen zwischen der Auflistung wichtiger Ausstellungen auch
»Heirat mit« oder »Geburt des ersten Kindes« vermerkt wird. Diese privaten Ereignisse mögen durchaus
Rückwirkungen auf die künstlerische Arbeit und Existenz haben und bei anderen dann auch mit einiger
Berechtigung der Erwähnung bedürfen, jedoch nicht bei Timm Ulrichs. Denn wo sich dessen
»Totalkunst«-Begriff an der eigenen Person festmacht, getreu der Parole »Kunst ist Leben, Leben ist
Kunst«1, ist der Unterschied zwischen privater und öffentlicher Sphäre aufgehoben.
Sich selbst als lebendes Kunstwerk auszustellen (1961/1965) oder zu dokumentieren, wieviele abgeschnittene
Finger- und Fußnägel die Körperpflege während eines Jahres (1968) hervorbringt, bedeutet eine Selbstbefragung
und Selbstbespiegelung bereits in einer Zeit, als man noch nicht darüber debattierte, wo und wie die
Datenschutzgesetze eine Abschirmung des Intimlebens zu garantieren hätten.
Zur Selbstbestimmung über das
eigene Leben gehört wohl auch eine Aneignung der Medien bzw. eine satirische Pervertierung ihrer Techniken.
Ulrichs hat dies schon früh begriffen mit »Zeitungsannoncen als Kunstwerk« (1964 ff.).
Er gab 1967 seine
Vermählung mit Kurt Schwitters' literarischer Figur Anna Blume bekannt und fragte 1975 die Zuschauer des
ZDF-Kulturmagazins »Aspekte«: »Möchten Sie einen berühmten Künstler zum Freund?«
Egozentrische Manifeste
Solche Projekte waren und sind Demonstrationen eines »Ich als Kunstfigur«, das der Öffentlichkeit gegenüber
auf der Verfügungsgewalt über eben dieses eigene und einmalige ICH besteht, wodurch in der Identität von
Produzent und Produkt der Genealogie zum Trotz der Künstler sein eigener Urheber ist (was Ulrichs übrigens
1968 ins Musterregister des hannoverschen Amtsgerichts eintragen ließ).
Der klassische, göttliche wie
genialische, Schöpfermythos hat ausgedient, er taucht bei Ulrichs nur noch in Formen und mit Mitteln der
Groteske auf.
Gleichzeitig jedoch impliziert diese Egozentrik -siehe die eben erwähnte Freundschaftskampagne -, daß sie
andere daran teilhaben läßt. Im
»2. egozentrischen Manifest« (1966) werden »meine Körperformen« als Kunst
im Sinne von Plastik und »meine Bewegungen« als Kunst im Sinne von Tanz herausgestellt.2 Das hat
anschaulichen Charakter und wird auch vorgeführt, verbleibt somit nicht im Bereich einer reinen »Ideenkunst«,
deren einzige Materialisierung die schriftliche Fixierung oder grafische Skizzierung eines Konzepts wäre. Im
Gegenteil es wird konkret gelebt, dieses Leben wird mit all seinen banalen Aspekten demonstriert und
reflektiert, aufgelistet und über diese Auflistung kommunizierbar gemacht. Wir wissen somit viel über Timm
Ulrichs im Rahmen seines auf »Lebensechtheit« pochenden »Ultra-Realismus«, aber wenig über die tatsächlich
privaten und intimen Seiten seines Alltagslebens, da sein Konzept eben nicht exzentrisch ist: Totalität hat auch
ihre redundanten Seiten.
»(m)ein leben wird von der geburt an bis zum tod ununterbrochen abgefilmt...« (»Lebens-Film 1«, 1961), heißt
es in einem der frühen Konzepte zu einem »autobiografischen foto-tagebuch«.3 Als »Herr über mein Leben und
meinen Tod« setzte sich Ulrichs in Performances und Selbstversuchen mehrfach »Ausnahmezuständen und
Grenzsituationen« aus, unterzog sich »Mut- und Belastungsproben« als menschlicher Blitzableiter (»Timm
Ulrichs, den Blitz auf sich lenkend«, 1977/79), oder indem er sich bei einer Performance teeren und federn ließ
(Wil-helm-Lehmbruck-Museum, Duisburg, 1971/76). Wenn er sich eine Zielscheibe auf die Brust tätowieren läßt
(1971/74) oder die Worte »The End« aufs Augenlid quasi als Abspann zum »Lebensfilm«, dann geht dieses
physische »Sich-Einbringen« über den körperlichen Aspekt bei der klassischen Art Performance oder bei der
Body-art weit hinaus.
Denn dort ist die Existenzergründung oder die körperliche Demonstration nur an Kunst
gekoppelt, d.h. nur als »reine« Kunst gemeint, so daß es hier zwar auch zu einer Kongruenz zwischen Kunst
und (eigenem) Leben kommt, aber noch nicht zu einer Iden-
tität dieser beiden Begriffe. Auch der Wiener Aktionismus der sechziger Jahre war ereignisbezogen, in zeitlich
und örtlich begrenzten Events kulminierend, während Ulrichs mit seinem
»Totalkunst«-Begriff das menschliche
Da-Sein in seiner Permanenz inszeniert. Und darin liegt bis heute eine Radikalität, selbst in jenen Arbeiten, in
denen vordergründig und natürlich gleichzeitig auch höchst tiefsinnig ein Witz. des Absurden spürbar ist.
Denn
dieser Witz leistet keine Abmilderung, er ist keine Verpackung oder ein Transportmittel für diese Lebenskunst,
sondern integraler Bestandteil des Werks.
Selbst-Darstellungen und Ich-Manifestationen
Als Künstler ist Timm Ulrichs Autodidakt. Nach dem Abitur zieht er 1959 von Bremen nach Hannover, studiert
an der dortigen Technischen Hochschule Architektur und gründet seine »Werbezentrale für
Totalkunst/Banalismus/Extemporismus«.
Es folgen seit 1961 »Selbstausstellungen« in seinen
»Totalkunst-Zimmergalerien«. Schon in diesen frühen Projekten nahm Ulrichs vieles vorweg, was uns erst
später mit jener rein subjektivistisch orientieren Strömung innerhalb der Performance-Bewegung der siebziger
Jahre vertraut wurde. Doch während manches innerhalb dieser klassischen Performance in der Thematisierung
von sozialem Rollenverhalten und psychischer wie physischer Befindlichkeit eine Zeithöhe hatte, die eine
Korrelation zur seinerzeit in der Literatur aktuellen »Neuen Innerlichkeit« ahnen ließ, sind die meisten Aktionen
und Projekte von Timm Ulrichs, seine »Ich-Forschung« und »Ich-Formung«, nicht auf eine Kommunikation auf
emotionaler, sondern rationaler Ebene hin angelegt.
Margarete Jochimsen meint dazu:
»Für ihn zählt und insofern ist er Existentialist Sartrescher Prägung - was er
erkennen, messen, konkretisieren, mit der Hand greifen kann...«4
1875 wurden bis dahin gebräuchliche »Naturmaße« wie Fuß, Elle, Spanne durch den Meter abgelöst, der als
der 40millionste Teil der Länge eines Erdmeridians definiert ist. 1969/70 läßt Ulrichs sich nach dem Modell des
Pariser »Urmeters« seinen eigenen Maßstab aus Edelstahl anfertigen, basierend auf der persönlichen
Körperlänge von 1,80 Meter: »mit diesem urnormalmaß wird meine lebensgroße zu einem maß für alle dinge,
zu einem menschlichen maßstab.«5
Er ermittelt sein Körpervolumen (66 Liter) und sein spezifisches Gewicht
nach dem archimedischen Prinzip der Wasserverdrängung und dokumentiert dies schriftlich auf einer Tonne
(1970), und er trägt »sich selbst zur Last« mittels eines Sandsacks, der dem eigenen Körpergewicht entden.
Die wohl bekannteste Arbeit aus den späten sechziger Jahren ist das »Hinweisschild für die Erdkugel« (1968)
mit der Beschriftung: »Globus, Maßstab 1:1«.
Die Disziplin der künstlerischen Spurensicherung ging in den siebziger Jahren andere Wege als Timm Ulrichs
mit seiner interdisziplinären Erweiterung der Kunst hin zu wissenschaftlichen Meß- und
Dokumentationstechniken. Arbeiten über den »Goldenen Schnitt« und Entfernungsangaben, exakten
geographischen Positionsbestimmungen von Räumen etc. klammern sowohl Fragen nach der Wertung und
Wertfreiheit wie bei der positivistischen Definition der Grundlagenforschung als auch methodologische Fragen
nach induktivem oder deduktivem Vorgehen aus.
»Timm Ulrichs studiert die einzelne Wissenschaft, die er bei
seinen Arbeiten zugrunde legt, nicht; - er nimmt sie als Gegebenheit. Ein solches Studium erwartet er auch
nicht von uns; aber er erkennt die einzelne Wissenschaft und begreift sie soweit, wie es zur Verdeutlichung
oder zur verblüffenden Sinnumkehr nötig ist.
Timm Ulrichs wählt keinen Gegenstand um der Ästhetik willen,
sondern Gebiete nach dem Grade ihrer Bedeutsamkeit, im Hinblick auf die Wichtigkeit für die menschliche
Erkenntnis, für die menschlichen Grundabstimmungen«, sagt Paul Wember dazu.7
Der Naturaspekt in der Kunst
Die Relativierung von Vermessungen und Maßeinheiten bezeichnet Wember als ein »für ihn sehr wichtiges
Sondergebiet« im Gesamtwerk von Timm Ulrichs. Und dieses hat er dann von seinem »ideenkünstlerischen«
Ansatz her erweitert und eine Begriffsarbeit geleistet, bei der diverse fiktionale Projekte als »Geo Art«, »Globe
Art« oder »Space Art« etikettiert wurden (»man trage die erdkugel völlig ab und baue sie an anderer stelle
wieder auf«).8 Seine »Spielpläne« und »Planspiele« zu »panartistischen demonstrationen«, die den »erdball
zum spielball totaler und permanenter (oft immaterieller) kunstge-sten« machen sollen, befragen äußerst
kritisch das ego-, geo- und heliozentrische Weltbild.
Das Statement aus den sechziger Jahren: »zeitgemäße
Weltanschauung vertreibt das natürliche aus dernatur...« könnte sich auch die heutige Ökologie-Bewegung auf
ihre Fahnen schreiben.
Doch sentimentales und wertkonservatives Beharrungsvermögen ist Ulrichs fremd, wenn er die Welt den
Weltbildern angleichen will (»und nicht umgekehrt«). Anhand des Anagramms »natur-unart-un-rat« postuliert er,
daß »kunst, auch eine naturkunst«, immer »unnatürlich, künstlich« sei: »naturprodukte werden zu
kunstprodukten; kunst, heute eine art kunst-wissenschaft, nimmt die form von natur-wis-senschaft an.«9
Mondrians »Komposition in Rot, Blau und Gelb« von 1935 übersetzt Ulrichs 1980 in ein Blumenbeet-Farbfeld
mit Stiefmütterchen und verschiedenfarbigen Steinen.
Eine Reihe von Installationen im Innenraum und im Freien
veranschaulichen die These, daß es hier und heute nicht um gestaltete Natur geht, deren Traditionslinie von
Barock-Gärten bis zur heutigen Forstwirtschaft nachvollziehbar ist, sondern um einen gestalterischen Impetus,
der sich zwar der Natur bedient, aber von vorneherein Kunst ist. Wobei natürlich manches der Natur abgeschaut
ist, etwa jene Installation mit vier ausgestopften Hermelin-Körpern, die je nach Jahreszeit eine unterschiedliche
Fellfärbung aufweisen, im Winter natürlich weiß. Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu den
»Kunstlandschaften« mit Tarnfarben: Baumstämme werden mit dem Muster soldatischer Manöverbekleidung
bemalt (Mannheim 1968/70, Kunsthalle); mit echtem Gras, Kunstrasen und Sand werden großflächig
»Mimikry-Camouflage-Kunstlandschaften« inszeniert (u.a. Wildeshausen 1972) und schließlich
konsequenterweise auch in ziemlicher Entfernung zur realen, Unsichtbarkeit signalisierenden Natur in die
grafische Sprache der Plakatkunst übersetzt (Köln 1981).
Archaische Naturmystik und Naturmythologie sind bereits von der Bewegung der Romantik so sehr umgedeutet
und umgeformt worden, daß heute nur noch ein ironischer Umgang mit diesen kulturellen Versatzstücken des
Naturerlebnisses möglich zu sein scheint: Ulrichs' »Lindenbaum« (Ettlingen 1988) ist eine acht Meter hohe
Messingsäule in Form einer vergrößerten Spieldosen-Stiftwalze; die 86 Stifte (als Baumäste) folgen der Partitur
von Franz Schuberts Lied »Der Lindenbaum« mit der Eingangsstrophe
»Am Brunnen vor dem Tore«.
Im Gegensatz »zu den früheren Auseinandersetzungen mit der Natur« strebe Ulrichs »nicht das
abgeschlossene 'Kunstwerk' an«, meint Wolfgang Jakobi: »Die spezifische Art seiner Natur-Objekte ist die
verblüffende Störung und Verwandlung geläufiger Sachverhalte.«10 Es kann hier auch kein abgeschlossenes
Kunstwerk geben, weil es eben auch kein abgeschlossenes Bild von der Natur oder gar von der Welt gibt. Die
eingangs erwähnten personenbezogenen Arbeiten folgten dem methodischen Prinzip der Introspektion, die ja in
gewisser Weise eine Systematisierung erlaubt, wenn statistisches Vergleichsmaterial zusätzlich herangezogen
wird oder wenn die »von sich selbst« ermittelten Daten statistisch interpretiert werden.
Doch das gleichzeitige
Bekenntnis zur Egozentrik verhindert hier, daß tatsächlich vom Einzelnen aufs Allgemeine oder generell Gültige
geschlossen werden kann. Empirische Naturerfahrung und Naturbeobachtung und daraus verallgemeinerte
Erkenntnis sind bei den an-
deren soeben erwähnten Projekten nur ein Ausgangspunkt, der nicht in den Wunsch mündet, Axiome und
Gesetze am Einzelfall überprüfen oder im einzelnen Kunstwerk darstellen zu wollen. Timm Ulrichs will ein ganz
bestimmtes Werk schaffen, und er benutzt diese Gesetze der Schwerkraft, der Hebelwirkung und der optischen
Wahrnehmung nur, damit das Werk schließlich auch »richtig« funktioniert. Wolfgang Jakobi: »Er verweist gern
auf das Gegenteil einer Sache, auf elementare Zustände und Erkenntnisse, auf die wir in der Regel nicht mehr
sonderlich achten.«"
Der physikalische Aspekt
Will man - ausgehend von diesen naturwissenschaft lieh inspirierten und pointierten konzeptuellen An sätzen -
die einzelnen Arbeiten aus den siebziger unc achtziger Jahren monographisch bündeln, wobei es natürlich
immer Überschneidungen und Rückver weise gibt und jeglicher kunstwissenschaftliche Ordnungswille in
kleinlich-krampfhaftes Schubladendenken münden kann, so stößt man auf zwei Themenschwerpunkte:
- Arbeiten, die mit Natur im physikalischen Sinne korrelieren
- Arbeiten mit Wahrnehmungsirritationen und Wahrnehmungssensibilisierung.
Einen Sonderfall innerhalb des Gesamt-Oeuvres stellen die Landschafts-Epiphanien dar, die durch fotografische
Labortechnik realisiert werden.
Beim »Denkmal für Normal-Null II« (Stadt. Galerie Nordhorn 1980) wurde der Wasserspiegel in einem
Acrylglaszylinder auf das Niveau des Amsterdamer Nullpegels abgesenkt, mittels eines 22,12 Meter tiefen
Bohrlochs auf der Rasenfläche vor der Galerie12. »Im Luftmeer« (Westerland/Sylt 1986) lautete der Titel einer
Installation mit einem an Schnüren frei hängenden Ruderboot, wobei diese Schnüre ein Verbundsystem mit
anderen Schnüren bildeten, an denen 20 Eimer voll Regenwasser hingen.
Ähnlich wie beim Prinzip der
Wippschaukel oder beim Flaschenzug senkten sich die Eimer voller Wasser nach unten und ließen das Boot
oben schweben, während dann nach und nach das schwere Boot sich absenkte und die Eimer nach oben zog,
sobald diese durch die Wasserverdunstung leichter geworden waren. Gleichfalls nach dem Gesetz Last x
Lastarm = Kraft x Kraftarm hob und senkte sich eine Wippe mit einem kleinen Segelboot durch den Luftstrom
zweier Schwenkventilatoren (»Seegang: mit Wind und Wellen«, 1985/87).
Es gibt in der jüngeren Kunstgeschichte eine Vielzahl an Beispielen für eine Vorliebe der Künstler, sich die
Mechanik dienstbar zu machen und dabei jenseits aller Bastlermentalität technische Tüftelei als Vehikel eines
plastischen Prozesses zu begreifen. Dadurch bekommt die Funktionalität weitab von allen modernen und
postmodernen Architektur- und Designer-Theorien einen ästhetischen Eigenwert zugewiesen. Wenn wir uns im
Alltag der Physik bedienen und sie technologisch handhaben, folgen wir dabei immer einem
Nützlichkeitsdenken, d.h. einer Vorstellung von ökonomischem und gesellschaftlichem Nutzwert.
Opto-kinetische und akustische Installationen oder elektromechanische Konstrukte haben bei Ulrichs den
Charakter gestischer oder indexikalischer Vorführungen, die zwar nicht didaktisch gemeint sind, gleichwohl im
Aufzeigen von Verständnismöglichkeiten sinnvoll, d.h. voller Sinn, und damit auf anderer Ebene gesellschaftlich
nützlich sind. Wer weiß schon, daß Urnen für die Seebestattung aus einem Salz geformt sind, das sich im
Meerwasser auflöst (»Arche Noah II«, 1987/Bad Aussee 1990)?
Der Zeitfaktor ist ein wichtiger Multiplikator in physikalischen Formeln; im chronometrischen Sinne ist er
insofern eine Konstante, als der Fortgang der Zeit, das permanente Ticken des Uhrzeigers oder die Abwandlung
digitaler Bilder, die Zeit anzeigen, für uns mit einer unerschütterlichen Gewißheit verbunden ist: Zeit kann man
nicht anhalten. Produkti-onsorientiertes Vorgehen will »in möglichst kurzer« Zeit etwas erreichen, und dem
setzt Timm Ulrichs prozeßorientiertes Vorgehen entgegen, wenn er sich zehn Stunden lang im Inneren eines
ausgehöhlten Steines einschließen läßt (»Der Findling« 1978/80 /81) oder wenn sich eine Installation im Laufe
der
Ausstellungsdauer durch das Herunterbrennen von Kerzen als Stützelemente verändert. Erlebnisräume und
Erlebnismomente werden zeitlich gestreckt durch optische oder akustische Endlosschleifen. Hier hat ein rein
abstrakter physikalischer Zeitbegriff die subjektive Empfindung von schneller oder kurzer Dauer als
komplementäres Gegenüber:
Dem Ausstellungsbesucher oder Performance-Publikum wird ein »Sich-Einlassen
über längere Zeit« abgefordert, denn auch »Statik« garantiert bei Timm Ulrichs niemals »feste Positionen im
Raum«, die ad hoc wahrnehmbar wären: Wir nehmen statt dessen Veränderungen wahr. Bei den
Wippschaukel-Objekten gibt es keine keine Balance als Idealposition. Das Spiel mit Paradoxien als
durchgängiges Prinzip vieler Installationen entzieht sich einem Ausgleichen und Vergleichen im
mathematisch-physikalischen Sinne und im Sinne der angewandten Sozialwissenschaften.
Der
Wahrnehmungsaspekt
Das »Objekt für Schiida« (1969/70) besteht aus einem Kasten mit »eingeschlossenem Licht«. - Ein
anagrammatisches Lichtbild-Objekt läßt die Wörter »IKON-KINO« aufblinken (1969/76). - Drei Dia-Projektoren
werfen aus unterschiedlicher Höhe und unterschiedlicher Entfernung Quadrate als »Lichtpyramiden« an die
Wand und zeigen so im Maßstab von 1:250 ein Modell mit dem Grundriß der Pyramiden von Gizeh (1980).
»Wie ein roter Faden zieht sich das Prinzip des Bewußt- bzw. Sichtbarmachens durch das Werk des
Künstlers. Sichtbar machen läßt sich auch durch das Unsichtbare ...«, sagt Richard W. Gassen und verweist
damit auf den Stellenwert von Tarn-, Such- und Vexierbildern, optischen Täuschungen, Gegenbildern,
Projektionen und kinetischen Installationen in Ulrichs' Oeuvre.13
»Vorspielung« und »Vorspiegelung« im realen Leben bedürfen der Entlarvung im wahrsten Sinne des Wortes,
doch nicht durch aggressives Demaskieren, sondern durch ironische Umkehrungen und Verdoppelungen:
Ein
»Voyeur-Objekt« führt uns in die Welt der »ausspionierten Spione« (1974/83/84); Magrittes berühmtem »Dies
ist keine Pfeife«-Bild fügt Ulrichs eine tatsächliche Pfeife hinzu und hebt dadurch den aussagenlogischen
Gegensatz zwischen Bild und Textinformation auf (1968). Wahrnehmbares, semantische Bedeutung dessen
und pragmatischer (bzw. pragmalinguistischer) Verwendungssinn einer Behauptung oder Äußerung driften
auseinander und werden auf der Witz- (nicht Gag! -) Ebene wieder »ins Lot« gebracht: »Überprüfen« heißt
zunächst einmal »Ausloten« - es gibt auch eine ganze Reihe von Timm-Ulrichs-Installationen mit
Lotmessungen.
Doch wo bei den soeben genannten Beispielen die Wahrnehmung an die Erkenntnis gekoppelt
ist und es auch »nicht vernünftig« oder »nicht sinnvoll« wäre, die Wahrnehmung von der Erkenntnis loszulösen
(im Kantschen Sinne sind wir ja aufgrund unserer anthropologischen Disponierung zu weitergehender Reflexion
und gar Abstraktion prädestiniert), folgt der non-spekulativen Überprüfung die künstlerische und intellektuelle
Korrektur.
Korrektur bedeutet auch Anpassung, und hier schließt sich der Kreis von diesen Paradoxien zu den
Tarn-Projekten und zu Arbeiten mit der Thematisierung des »blinden Flecks«.
Vom allseits bekannten Foto in Blindenpose (»Ich kann keine Kunst mehr sehen«) als
Wahrnehmungsverweigerung über poetisch-plastischen Objekten in Braille-Blindenschrift, die aber nur formal
als eine Variation der Buchstaben-Bilder und Buchstaben-Installationen (z.B. »Umraum«, 1986/87/89)
erscheinen, bis hin zu einer Klang-Installation mit klappernden Blindenstöcken (u.a. Kunsthalle Recklinghausen
1992) zeigen die Projekte zum Thema der Einbüßung von Sehvermögen eine konzeptuelle Parallelität zu jenen
Arbeiten zum Begriff »Nacht«. »Blinde Fenster«, Fotos von geräumten und später abgerissenen Häusern in der
Bernauer Straße unmittelbar an der Berliner Mauer (1966/76), tauchen abgewandelt als Doppelfenster aus
schwarzen Schiefertafeln mit dem Titel »bei nacht und unter tage« (1977/78) wieder auf.
Niemals hat die Menschheit sich damit abgefunden, daß Nacht oder Dunkelheit bloß zeitweise Abwesenheit
von Sonnenlicht bedeutet. Die Kultur-und Geistesgeschichte weist immense mythologische Verklärungen von
Mond und Sternen auf, astronomische Berechnungen und astrologische Erklärungsversuche. Abwesenheit von
Licht wirkt angstauslösend, nicht nur Kinder pfeifen im dunklen
Keller.
Wenn Timm Ulrichs »Die Mond Phasen« mit phototropen Gläsern und ultraviolettem Licht simuliert
(1980), ist er allerdings weniger an den psychologischen und emotional-sentimentalen Aspekten interessiert,
sondern an physiologisch-physikalischen. Wir korrigieren diese gemeinhin etwa durch künstliche Beleuchtung
oder durch »Sehhilfen« (wie Brillen im Jargon der Krankenkassen heißen). Solcherlei Korrektur mag ihre
Steigerung in der Mißachtung der (Natur-)Gesetze finden, in der Postulierung einer Willkür, einen
Herrschaftsanspruch über das Natürliche und Sichtbare proklamierend: Das läßt auch ethisches Fehlverhalten
zu, und dieses, oder zumindest dessen Potentialität, konterkarierte Timm Ulrichs, indem er nicht nur eine
»Aufhebung der Schwerkraft« forderte, sondern 1968 auch ankündigte: »Am 2. September veranstaltet Timm
Ulrichs eine totale Sonnenfinsternis.
«
Die Landschaftsepiphanien
Sofern die Wahrnehmung nur als Phänomen von Betrachtungen innerhalb der Disziplin der Optik oder der
Physiologie begriffen wird, erfährt das Wahrgenommene aber keinerlei weitergehende Beurteilung, weder in
einem emotionalen noch erkenntnistheoretischen Sinne. Sie bleibt an einen rein naturwissenschaftlich
begründeten Realitätsbegriff gekoppelt, an welchem dann eine strukturelle Ordnung ansetzt. Bei der
Beschäftigung mit landschaftlichen Lebens- und Umgebungsräumen geschieht dies mit den Methoden der
Geographie, Geologie oder der geotektonischen Analyse. In der Kartographie erfährt die
Landschaftsbeschreibung eine inde-xikalische Abstraktion.
Die Geschichte der Landschaftsmalerei indessen
weist von den niederländisch-flämischen Meistern des 16. und 17. Jahrhunderts über die Romantiker bis hin zu
den Impressionisten und der Klassischen Moderne Deu-tungs- und auch Sehnsuchtsmodelle auf, in denen
Realität »verbogen«, verklärt, idealisiert, reduziert oder gar gänzlich aufgelöst wird. In der elektronischen
Bildtechnologie tauchen virtuelle Realitäten und darin auch Landschaftsbilder auf, die zwar als »eigene« Welt
gelten, unausgesprochen aber immer an Kenntnisse und Erfahrungen des bereits anderswo Gesehenen und
Vorhandenen appellieren: Wie könnten wir sonst beim Bild eines Videospiels oder bei Bildern mit
oszillographischen Verzerrungen bestimmte Formen oder Farbflecken etwa als »Berg« interpretieren, wenn
nicht durch eine anthropologische Konditionierung, auf der dann die Gestaltpsychologie aufbaut?
Zwischen 1972 und 1987 schuf Timm Ulrichs drei Serien mit »Landschaftsepiphanien«: Es handelt sich dabei
um Cibachrome-Fotos von Diapositivfilm-Endstücken, die normalerweise als Abfall angesehen werden. Die
Vergrößerungen dieser Endprodukte eines labortechnischen, d.h. fotochemischen Ent-wicklungsprozeses
zeigen jeweils eine hellere Fläche als Himmel, und am Übergang zur schwarzen, unteren Erdfläche farbige
Ausfransungen und verschwommene Schlieren, die als Grasnarben, Nebel, Rauch, tosende Wellen, Buschwerk
oder Dämmerungsstreifen gesehen werden können. Diese Horizonte markieren technisch den Übergang vom
belichteten zum unbelichteten Filmstück, was der Betrachter auch wissen muß, um das »Epiphani-sche« an
diesen Bildern zu begreifen. Die Entstehung ist rein zufälliger Natur, sie läßt sich im Ent-
wicklerbad nicht steuern oder manipulieren; es findet somit keine Gestaltgebung im klassischen Sinne statt.
Insofern sind es auch keine Abbilder, sondern lediglich Anregungsmittel für das Vorstellungsvermögen.
Peter
Friese bemerkt dazu: »Die wahre Natur, also die Natur des Films bedarf nicht mehr der Transformation in eine
Natur vermittelnde Bildsprache. Sie transformiert und vermittelt sich durch sich selbst... Die
Landschaftsepiphanien indessen entstehen in unseren Köpfen als inzwischen autopoetische
Konstruktionen...«14
Als Epiphanien zeigen diese Arbeiten eine Gleichsetzung von Sichtbarkeit mit Erscheinung. Die noch kritische
Distanz im Urteil, etwas erschiene so, als ob es etwas Bestimmtes wäre, hier: eine Landschaft, wird jedoch
aufgehoben, wenn mittels einer Glaubensüberzeugung dieses Erschienene als wahrhaftig angenommen wird.
Das Bestimmen an sich ist ein ordnender bzw. kategorisierender Vorgang, wie z.B. ein Botaniker Pflanzen
bestimmt nach vorausgesetzten Kriterien. Die gestaltpsychologische Ausdeutung hingegen beruht auf der freien
Assoziation und läßt nur unverbindliche Formulierungen wie »Es könnte eine Landschaft sein« oder »Es sieht
aus bzw. es wirkt wie eine Landschaft« zu. Eine andere Art der Bestimmtheit ist das Postulat, das immer mit
dem Anspruch vorgetragen wird: »Das stimmt!« Ulrichs' Postulate sind allerdings immer hinterfragbar oder
zumindest empirisch überprüfbar; die Landschafts-Erscheinung kann vom Betrachter ebenso abgeleugnet
werden wie die Behauptung, bei einem Objekt handle es sich tatsächlich um das »Schweißtuch der Mona
Lisa« (1978).
Kognition und Interpretation erweisen sich nicht nur generell, sondern gerade auch im Werk von Timm Ulrichs
als zwei sehr unterschiedliche Strategien. Sie lassen sich gegeneinander anwenden und jede für sich auch
umkehren, etwa als Verrätselung von Erkenntnis oder als Des-Interpretation (»Das ist doch nur ein vergrößerter
Filmstreifen mit Emulsionsflecken«).
Daraus ergibt sich eine Doppelbödigkeit auf der formalen wie
informationellen Ebene, wie sie auch bei anderen Werkgruppen schon aufgefallen ist. Jenseits der rein
sensuellen Komponente des Arbeitens mit Licht, Projektionen und Fototechnik muß der Betrachter eine
intellektuelle Leistung begleiten und nachvollziehen, die dann im Verstehen des Witzes mündet. Dabei ist der
Witz - wie schon oben angedeutet - nicht (Ver-)Mittler, sondern Grundmuster des bildnerischen wie poetischen
Vorgehens. Konkrete Poesie
Der Doppelbödigkeit steht die Gegenläufigkeit zur Seite, wenn demonstriert wird, daß man nicht wahrhaben will,
daß etwas tatsächlich so ist oder abläuft, wie man es weiß oder wissen sollte. Das Grimmsche Märchen des
»Hans im Glück«, der einen Goldklumpen gegen etwas von geringerem Wert eintauscht und sich dabei
glücklich fühlt, exerzierte Ulrichs 1968/78 anhand der Kursgebühren im Bankgewerbe durch:
Ein
Hundertmarkschein wurde zwanzigmal in andere Währungen umgetauscht mit Verlust bei jedem
Wechselvorgang, bis schließlich nur noch 6,75 DM übrigblieben. Diese Aktion korreliert mit dem
Wort-Wechsel-Stück »Übersetzung-Translation-Traduction... (Ein polyglotter Zyklus)« (1968/74) und anderen
poetischen Arbeiten mit dem Austausch von Wörtern und Begriffen, ihrer Umkehrung und Gegenüberstellung
(»Satz-Gegensatz«).
In seiner »konkreten Poesie« zielt Ulrichs nicht auf neodadaistische Sprachzertrümmerung oder bloß
jongleurhafte Wortspielereien, sondern auf ein »Wortwörtlichnehmen« der Begriffe.
»In Worte gekleidet - in
Schweigen gehüllt« (Textaktion Ludwigshafen 1984) - »casual: causal« (»Zufällig: ursächlich.
Aleatorisch-anagrammatisches Text-Objekt«, 1982) - »Die Erde dreht sich - mir schwindelt« (»Objekt-Buch mit
eingebautem Kompaß«, 1968/70): mit solchen Anagrammen, Epigrammen, Paradoxien, Sprachbildern und
-Objekten seziert Ulrichs in der Nachfolge von Wittgensteins Sprachkritik, wie im Alltag, wenn das »Wort im
Munde herumgedreht« und nichtssagende Phrasendrescherei betrieben wird und wenn Redensarten sich
verselbständigen, eine »derart verdinglichte Sprache Mißverständnisse aller Art« hervorzubringen vermag.15
Helmut Kohls sprachliche Verkrampftheiten (»in diesem unserem Lande«) belebten das Kabarett der achtziger
Jahre, und das Satire-Magazin »Titanic« stellte fest, daß der feministische Plural negativ besetzte Begriffe wie
»Vergewaltigerinnen« auszuklammern pflegt. Eine Sprachphilosophie, die höchstens philologischen
Konservierungs- oder auch
Reformbemühungen Argumentationshilfe bietet, ist jedoch nicht Ulrichs' Angelegenheit. Den »Duden« mögen
andere umschreiben. Es scheint Ulrichs primär um Sprachanalyse und nur sekundär um Spracherweiterung zu
gehen, denn im Unterschied zu anderen Vertretern der konkreten Poesie, den Fluxus-Dichtern und - wobei der
Vergleich sehr gewagt ist - etwa auch Ernst Jandl, verhält sich Ulrichs hinsichtlich rein spielerischer,
eigenwilliger Bedeutungskonstitutionen und Verknüpfungsregeln sehr zurückhaltend.
Er will ja bereits
vorhandene Widersprüche aufdecken und nicht weitere Widersprüche als reinen Selbstzweck provozieren, ohne
daß der damit verbundenen Irritation das Moment der Klärung inhärent wäre.
Die Kunstgeschichte kennt eine Reihe von Doppelbegabungen auf den verschiedenen musischen Gebieten erst
seit dem 18. Jahrhundert mit der ästhetisch-theoretischen Postulierung der Trennung und Spezialisierung der
Künste. In den Epochen davor war das Allround-Genie selbstverständlich; noch der Barock-Dichter Opitz begriff
Malen als »Poeterei« und Dichtung als »redendes Gemäld'«. Seit Kan-dinsky mit seiner theoretischen Schrift
»Farbenklänge« (1916) Farbtönen akustische Qualitäten zuwies, wurde jedoch für die nachfolgenden
Künstlergenerationen der klassischen Moderne und der Postmoderne interdisziplinäres, multi-mediales und
mixed-mediales Vorgehen immer mehr selbstverständlich. Viele plastischen Arbeiten von Timm Ulrichs haben
literarischen Charakter; in anderen Fällen stellt die Titelgebung, oft als Wortwitz formuliert, der sich in ein oder
zwei Sätzen eine Erläuterung anschließt, einen poetischen Eigenwert dar. Bereits in den frühen sechziger und
andere visuelle und kommunikative Dimensionen. Der Buchstabe ist nicht nur Letter, sondern eigenständige
Plastik, die beschriftete Tafel oder das Textschild nicht nur bloßer Informationsträger, sondern über die Inhalte
der Botschaft hinaus Werk für sich bzw. Werk an sich. Das ließe sich auch z.B. über die Schriftbilder von Ben
Vautier sagen, doch bei Timm Ulrichs zielt die Pointierung unter einem Ge-
samtkunstaspekt jedesmal auch auf eine Adäquatheit von Form, Material, Medium und Raum. Auch der
Zeitfaktor spielt eine Rolle, denn
»Denken und Schreiben« seien »allenfalls dem Kind noch synchron«; »erst
neuere Aufzeichnungsverfahren (Stenographie, Diktaphon, Tonband) konnten beide 'Sprach-Bereiche' wieder
zusammenzuführen versuchen«.16
Jahren wird konkrete Poesie nicht nur grafisch (manchmal auch farblich) umgesetzt, sondern in Objekte,
Installationen, Aktionen und Performances eingefügt und damit räumlich inszeniert. Sprache wird dabei aus
ihrer traditionellen medialen Gebundenheit an die phonetisch-akustische Artikulation und an die Schrift gelöst,
und wo Gestik und andere Mittel der Theatralik beim klassischen Bühnenstück die Funktion zusätzlicher
Komponenten haben, erschließt Ulrichs der Sprache völlig neue Die Kunst und der Tod
An den Zeitbegriff ist auch die Vorstellung von Ewigkeit gekoppelt, von Überdauern. »Denken Sie immer daran,
mich zu vergessen«, ließ Timm Ulrichs in einen Grabstein bzw. in ein Marmor-Objektbuch einmeißeln
(1969/75). »Versteinerte Texte und Bilder« mit Poesie- und Fotoalben als Grabbeigaben sind Bestandteil
europäischer Friedhofskultur; sie tauchen in Ulrichs Oeuvre sowohl als Originale wie auch als künstlerische
Zitate auf.
Die Beschäftigung mit dem Tod und der gesellschaftlichen Ritualisierung der »letzten Ruhestätte«
zieht sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Werkphasen, bis zu den Salzurnen und der
Pyramiden-Projektion, auch wenn es bei letzterer thematisch nicht um die ursprüngliche Funktion als
Pharaonengrab, sondern um Geometrie geht.
Bereits 1966 taucht ein »Leichenschauschein« über Ulrichs als Exponat auf; einen eigenen »Gedenk räum«
läßt er von einem Friedhofsgärtner sach- und fachgerecht mit Blumen, Kies und Gras einrichten (1967-69), der
»Allgemeinen deutschen Sterbetafel« über die durchschnittliche Lebenserwartung entnimmt er als
»wahrscheinliches Todesjahr« 2012. In diesen Zusammenhang gehören auch die Inszenierungen mit
Tatort-Skizzen und die Zeitungsmeldung »Timm Ulrichs von einem Meteoriten erschlagen!« (1975).
Schlüsselwerke sind jedoch die Totenmasken-Objekte (1971-76), da hier der Titel »Timm Ulrichs: Anwesend
abwesend oder das Leben nach dem Tode im Leben vor dem Tode« den philosophischen und
zivilisationstheoretischen Hintergrund dieser Motive umreißt. Insofern folgen die Arbeiten nur formal dem
»Memento mori«-Gedan-ken, sie projizieren Todeserfahrungen (die der Mensch ja nur beim Tod anderer macht,
selbst nur in wenigen Ausnahmefällen klinischer Extremsituationen) auf das - eigene - Leben zurück:
»Ein Leben für die Kunst: Das kann dann nur bedeuten ein Leben, um sich auf den Tod vorzubereiten, ihn zu
gestalten, zu inszenieren, als Höhe-und Kulminationspunkt ein für allemal...«17 Der beizeiten als »Nachlaß zu
Lebzeiten« (Robert Musil) vorweggenommene Grabstein reklamiert einen vorweggenommenen
Ruhmesanspruch,
»mich noch in der Lage sehend, ihn auch zu genießen«. Heroismus ist an die Idee der
Unsterblichkeit gekoppelt, doch zu Lebzeiten ist der Held eigentlich nur ein Idol, wird erst im Tod zum Mythos -
wie James Dean, Marilyn Monroe oder Elvis Presley.
Die alliierten Siegermächte wußten schon, weshalb sie
unmittelbar nach dem Tode von Rudolf Heß das Spandauer Kriegsverbrechergefängnis abreißen ließen.
Heldentum wird in der Öffentlichkeit durch Legendenbildung verankert, und Ulrichs räumt ein, »mit dem
Ewigkeitswert 'Kunst'... werde eine Heldenverehrung ohne Helden inauguriert«.18 Marinetti hat bereits im
»Futuristischen Manifest« Museen mit Friedhöfen verglichen; auch Timm Ulrichs erscheinen sie als Mausoleen.
Die »Totalkunst« als theoretischer Ansatz und praktische Strategie zur Durchdringung sämtlicher
Lebensbereiche hat einen Anspruch auf Allgegenwärtigkeit, aber eben nicht auf Unendlichkeit (das deutsche
Wort für »Universum« heißt bekanntlich »Welta//«). Organische wie physikalische Prozesse - und hier komme
ich noch einmal auf den naturwissenschaftlichen Aspekt in Ulrichs' Oeuvre zurück -bedeuten ja immer
Veränderung von Zuständen und von Materie, auch Zerfall von Materie und Verlust an Energie. Die Zeitalter bzw.
Zeitformen hat Ulrichs in seiner Installation »Past-Present-Future« (Versmold 1977) mit drei Stühlen
veranschaulicht: der erste auf dem Boden stehend, der zweite bis zur Sitzfläche und der dritte völlig in einer
Erdgrube versenkt. (Ab)sterben wird als Verschwinden wahrgenommen, gar als Untergang; der Aufbahrung des
soeben Verstorbenen als partieller und feierlicher Erhöhung (hier bleibt der Leichnam noch dem Leben auf der
Erde rituell verhaftet) folgt in unserem Kulturkreis das Begräbnis. Das Vergrabene wird -als Verborgenes - nicht
nur jeglichem unbefugten Zugriff entzogen, sondern gleichzeitig auch - zumindest suggestiv - als nicht mehr
existent angesehen.
Mit seiner Ablebensprognose für 2012 hat Timm Ulrichs auch schon einkalkuliert, daß
man seinen Grabstein nicht alle Ewigkeiten überdauern, sondern im Jahre 2032 verschwinden lassen wird; denn
nach der derzeit gültigen Friedhofsordnung werden nämlich Gräber nach 20 Jahren »aufgelassen«, wie es im
Behördendeutsch heißt.
Ebensowenig wie wir in den egozentrischen Manifestationen nur das erfahren, was in der öffentlichen
Inszenierung an Privatleben »freigegeben« wird, zeigt auch die Beschäftigung mit Todesmotiven kein Einkreisen
des persönlichen Betroffenseins als vorweggenommene Trauerarbeit.
Das steht aber
keineswegs in Widerspruch zum Totalkunst-Begriff. Wo der vom Ich beanspruchte oder diesem Ich von der
Gesellschaft zugewiesene oder zumindest zugebilligte Ruhm etwas Kultisches an sich hat (heutzutage im
Star-Kult kulminierend), ist das Kalkül als Methode offensichtlich.19 In die Vergessenheit zu geraten ist
hingegen unkalkulierbar, und nur der Sphäre des Vergessenen und Verborgenen haftet noch etwas
Geheimnisvolles an.
Weitere Vorschläge:
Nürnberg, 10. Dezember 2007 von: Gerhard Malsdorf:
Pete Rozelle, Emina Cunmulaj, Udo Jürgens, Ronald Reagan, Patricia Schmid.
Bochum, 03. Januar 2007 von: Klaus Enzlin:
Martin Luther King, Jeisa Chiminazzo, Alan Turing, Hugh Grant.
München, 20. Februar 2007 von: Martin Zennert: Magdalena Frackiowak.
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