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Magdalena Jetelová
Magdalena Jetelovä
Forum Kunst Rottweil,
An Grenzen stoßen - Grenzen überschreiten: Magdalena Jetelovä hat diese Herausforderung, die anfangs auch
Bedrohung war, zu einem Thema, einer Leitlinie ihrer Kunst gemacht.
Die Ausgangssituation wurde einmal
bestimmt durch das repressive politische Klima in einem Staat, dessen Öffnungsbestrebungen durch den
Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts niedergedrückt worden waren ein Ereignis, das insbesondere
im tschechischen Teil der damaligen CSSR deshalb als traumatisch empfunden wurde, weil unter den
Okkupanten wieder nach nur 30 Jahren
deutsche Soldaten waren.
Bevor Magdalena Jetelovä diesem System 1984 den Rücken kehrte, hat sie unter
den Bedingungen der brachial "gesäuberten" Tschechoslowakei als Künstlerin gearbeitet. Daß der
Staatspräsident dieser Republik ausgerechnet Svobo-da1, zu deutsch: Freiheit, hieß, gehört zu den Zynismen
dieses Jahrhunderts.
Als Magdalena Jetelovä nun die Freiheit der westlichen Demokratien erlangt hatte,
befanden sich damit ihre Arbeiten in einem neuen Kontext. Die grob-rohe formale Sprache, in der die Künstlerin
beispielsweise ihren "Stuhl" (1979-1980) gestaltet hatte, wurde Teil eines Diskurses, in dem der Holzplastik
neues Gewicht beigemessen wurde: Baselitz hatte 1980 auf der Biennale in Venedig seinen gereckten
Einarmigen präsentiert, Karl Manfred Rennertz stand im Begriff, mit seinen schräg gesägten Figuren bekannt zu
werden.
Wenn es 1982 eine Provokation bedeutet hatte, daß Magdalena Jetelovä - damals noch in der CSSR -
als Auftakt einer Ausstellung über den "Stuhl im 20. Jahrhundert" den Treppenaufgang des Prager Museums für
Angewandte Kunst mit einem plump-klobigen Sitzmöbel ausstattete, war dieser Affront im Westen nicht mehr
unmittelbar nachvollziehbar.
Das Formale rückte in den Vordergrund, so daß eine Arbeit wie "Übergang" (1986)
sogar Vorstellungen hervorrufen konnte wie das fast schon niedliche Bild "eines gewaltigen prähistorischen
Tausendfüßlers"2. Im Osten hätte man in dem wuchtigen, von dünnen Latten gestützten hölzernen Ungetüm, das entfernt an eine Treppe erinnert, vielleicht eine Metapher für die Brüchigkeit einer Utopie, für
Fortschritt, der nur noch mit Hilfskonstruktionen möglich ist, oder für das letzte Aufbäumen eines absterbenden
gesellschaftlichen Körpers gesehen.
Aber auch Denksysteme haben ihre Grenzen, die sich öffnen lassen. Damit ist bereits die inhaltliche Dimension
umrissen, auf die Magdalena Jetelovä ihre jüngeren Arbeiten bezieht. Die Expedition ins Innere Islands, die sie
im Sommer 1992 mit dem Fotografen Werner J. Hannappel und mit Jakob Valvoda als technischem
Assistenten unternahm, galt insofern nur bedingt der Scheidelinie zwischen den Kontinenten Europa und
Amerika. Der Laserstrahl, der sich als scharfer Lichtschnitt durch die harsche Landschaft zog, markierte die
Bruchkante der zentralatlantischen Kontinentalplatte; pfeilgerade kennzeichnete er also eine Gren-
ze.
Doch dieser präzise Durchstich durch die Landschaft wurde wiederum durch die Landschaft selbst
gebrochen, der Strahl zerriß an den scharfen Graten erkalteter Lava, verschwamm in nebligen Schleiern, stürzte
ab an den Kanten senkrechter Basaltsäulen. In einem erweiterten Sinn heißt das:
Die Absolutheit des
Prinzipiellen (und der Laser resultiert aus strikten physikalischen Gesetzmäßigkeiten) trifft auf die
Unwägbarkeiten der Realität. Der Übergang, so schrieb A.R. Penck im März 1986 für Magdalena Jetelovä bleibt
"das zentrale Thema des neuen Bewußtseins"3. Der Satz ist übertragbar.
Dabei ist es vorderhand sogar
unerheblich, ob es bei dem Island-Projekt um Erneuerung von Bewußtsein ging. Denn: Barg schon der
Lichtstrahl, der in die Landschaft geschickt wurde, einen impliziten Hinweis auf den Begriff der Aufklärung samt
ihrer Lichtmetaphorik, so wurde die Ausstellung auf dem Prager Belvedere4 zu einer sehr komplexen
Inszenierung, bei der Magdalena Jetelovä die Bilder aus Island zum Anlaß nahm für eine Auseinandersetzung
mit dem Gebäude und seiner Geschichte.
Hier räumliche Segmentierungen, dort Zeichnungen als Zeitschnitt:
Historische Baupläne etwa zur "Herstellung eines neuen Stiegenhauses in dem k.k. Belvedere-gebäude nach
dem Antrage des k.k. Hofbaurathes"5 wurden zur Grundlage modellhafter Erweiterungen, die die Grenzen der
Architektur durchbrechen, ideelle Bezüge zur Stadt hin herstellen und darüber hinaus in gedankliche Räume
führen sollten, in denen wieder etwas vom "genius loci", von der geistigen Aufgeschlossenheit und universalen
Neugier zu Bewußtsein gelangt, die im frühen 16. Jahrhundert die Pläne für die großzügige Anlage reifen
ließen.
Das Material Lava, das im Innern des einstigen Sommerpalastes auf schräge Holzkonstruktionen
aufgetragen war, stellte einerseits durch seinen nordischen Herkunftsort einen globalen Zusammenhang her;
andererseits stand das vulkanische Gestein für Energie und Veränderung, aber auch für Zerstörung und
Neubeginn. Auf dieses ambivalente Moment scheint die Arbeit, die Magdalena Jetelovä für Rottweil bauen ließ,
konzentriert.
Etwa ein Drittel, vielleicht auch nur ein Viertel des Raumes, den das Forum Kunst für
Ausstellungen nutzt, wird von einer dreieckigen Rampe beansprucht, die sich vom Boden bis unter die Decke
erstreckt. Ein erdrotes Lavafeld - sonst nichts: In Rottweil wird der Blick auf ein einzelnes Segment fokussiert.
Gleichwohl gibt es "pars pro toto" etwas vom großen Ganzen eines Unternehmens wieder, dessen isländische
Komponente, die Laser-Installation in rauhem, gletschcrnahen Gelände, beinahe aussieht wie ein Zeitsprung
zwischen High Tech und Genesis, oder anders gesagt: wie zwischen der Entstehung der Welt und dem Beginn
eines neuen Abschnitts im technologisch-industriellen Zeitalter.
Eingestellt von Georg Wegener
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